Brüder sind’s

Als Ceeys kommen Sebastian und Daniel Selke wieder nach Dresden.

Von Andreas Körner
Das, was man gemeinhin „Neoklassik“ nennt, ist längst in kleineren Clubs und verwandten Spielstätten etabliert. Und diese dienen weiterhin nicht selten als Sprungbrett für Größeres.
Im kommenden Dresdner Herbst kann der – nicht selten junge –Freund diese zumeist akustisch-elektronischen und vorzugsweise instrumentalen Kollaborationen in allen verfügbaren Kapazitäten goutieren. Überraschende Künstler mit ihren Debüts sind dabei (Kirill Richter, 20. Oktober, Schauburg), Wiederkehrer im Überschaubaren (Carlos Cipa, 23. September und Federico Albanese, 22. Oktober, beide Jazzclub Tonne) und solche, die zu den Spurenlegern gehörten und einst in Dresden sehr klein begonnen haben (Nils Frahm, 12. Oktober und Ólafur Arnalds 15. November, beide Kulturpalast). Und am heutigen Freitag schon Ceeys.
Ceeys sind die Brüder Sebastian und Daniel Selke aus Potsdam, geboren im noch geteilten Berlin. Beide klassisch ausgebildet mit Studien in Leipzig und der Hauptstadt, handfest im Können, klar strukturiert im Wollen, unterwegs in verschiedenen offenen Projekten und temporären Beschäftigungen. Cello und Klavier bilden bei Ceeys die Basis, um weitere elektronische und akustische Module mühelos erweiterbar.


Ceeys spielen regelmäßig Flimmerkonzerte zu Stummfilmen, letztens mit Clemens Christian Pötzsch Murnaus „Nosferatu“, waren gerade in der Kantine am Berghain bei der wunderschön betitelten Reihe „traurig und untanzbar“, sind im Filmorchester Babelsberg integriert (Sebastian) oder lehren Kammermusik (Daniel), kuratieren ein eigenes Festival, lassen Fotografie und Musik sich begegnen und verschmelzen.


Sebastian und Daniel Selke, Söhne einer Schauspielerin und eines Radiojournalisten, geben der Erinnerung Noten. Sie verleihen ihr auch Griff, denn ihre Liebe und ihr Faible gelten restaurierten Instrumenten aus „Ost-Zeiten“: dem Cello aus Markneukirchen und analogen Synthesizer aus Erlbach, dem Klavier aus Kinderzeiten und Synthis mit ukrainischem Design, dem Röhren-Mischpult aus der DDR, dort und in der Sowjetunion ab den 50er-Jahren gebauten Mikrofonen und Boxen, dem alten Diktiergerät des Vaters.


Es geht ums Verschmelzen. Vintage-Gründe allein sind es nicht. Auch nicht, für Teile der aktuellen CD „Hiddensee“ (Neue Meister) ins altehrwürdige Funkhaus auf der Nalepastraße zu ziehen, wo bekanntlich auch Nils Frahm residiert – und über die Möglichkeiten der Räume schwärmt. Dort, wo sich in Berlin Vergangenheit und Gegenwart wirklich begegnet sind, wo zu-sammengewachsen ist, was zusammengehört. Die alte Idee also, schlicht mal umgesetzt!
Doch das Erinnern praktischer Natur beschränkt sich bei Ceeys nicht auf materielle Dinge. Die Selkes nehmen in der Wahl der Einflüsse die gängigen Klassiker wie Bach und Debussy ebenso in ihren Katalog auf wie jene jüngeren Geburtsdatums, also Glass und Pärt und –hier liegt das Besondere – auch das, was in der DDR im populär-zeitgenössisch-experimentellen Bereich passierte, namentlich bei Reinhard Lakomy und Frank Fehse (Key). Dass es persönliche Schnittlinien zu heutigen Künstlern wie Hauschka, Lambert, Martyn Heyne oder Peter Broderick gibt, ist selbstverständlich.
„Hiddensee“ ist der dritte Teil einer von vornherein als Trilogie konzipierten Veröffentlichungsserie und folgt auf „Concrete Fields“ (2017) und „Waende“ (2018). Nach Reflexionen über die Mauer und Plattenbauten in Marzahn-Hellersdorf, wo die Brüder aufgewachsen sind, also nach Erinnerungen an un-überwindbaren Beton und solchen, der Kinderzimmer trennte und noch jeden Ton durchließ, gehen sie jetzt zurück an den Sehnsuchtsort der gemeinsamen Ferien. Hiddensee, das „autofreie Paradies“, die Insel der Romanfigur Kruso, das Eiland, das selbst die nach 1989 nun offene Welt nie ganz verschwinden ließ. In Sachen Zuneigung. Die Selkes sagen: „Bereichert und irritiert von der Vielzahl an Eindrücken, dankbar und doch wehmütig, wünschten wir uns schließlich zurück auf unsere kleine Insel mitten in der Ostsee.“


Das Album sollte genauso klingen: Nach der Lust, auf Reisen zu gehen, und der Sehnsucht nach Vertrautem: „Wir müssen in keine Rollen schlüpfen. Wir kennen uns seit unserem ersten Atemzug. Es gibt keine Grenzen zwischen Privatem und Arbeit. Zwischen uns fließt alles.“
Rhythmisch überraschend, in den Klippen sanft, nuancenreich gleitend mit gezupftem und gestrichenem Cello, dezent um ein paar Winde von Electronics und Hall bereichert – dieses „Hiddensee“ liegt in den Eindrücken gleich neben dem echten.

CEEYS w/ Enzo Caterino, Kelly Wyse, Lisa Morgenstern
CEEYS w/ Joanna Gemma Auguri, Garreth Broke, Hania Rani
CEEYS w/ F.S. Blumm, Marc Marcovic, Kengo Yonemura, Jakob Lindhagen, Sofia Nystrand
CEEYS w/ Yiorgos Parisis, Kat Galie, Ed Carlsen
CEEYS w/ Marta Cascales Alimbau, Iván Muela, Anne Müller
CEEYS w/ Simon Goff, Maike Zazie
CEEYS w/ Aidan Baker, Simeon Walker
CEEYS w/ Marie Awadis, Tim Linghaus
CEEYS w/ Johannes Malfatti, Midori Hirano