Announcement Berliner Morgenpost by Martina Helmig

CEEYS_Sebastian Selke_Daniel Selke_Berliner Morgenpost
Kammermusik und Techno

Die Album- und Konzertreihe „Neue Meister“ präsentiert junge Künstler an der Schnittstelle von zeitgenössischer Musik und Elektronik

Die Wendezeit ist längst Geschichte. Wie kommt das Duo CEEYS auf die Idee, sich ausgerechnet jetzt musikalisch damit auseinanderzusetzen? „Wir haben uns gefragt, wo wir eigentlich herkommen und stellten fest, dass wir in einer sehr hybriden Zeit aufgewachsen sind“, überlegt der Cellist Sebastian Selke. „In den 80ern haben wir noch das DDR-System kennen­gelernt. 1989 war dann von heute auf morgen alles anders. Keine Zeit hat uns stärker geprägt als die der Wende.“

Sebastian Selke war beim Mauerfall neun Jahre alt, sein Bruder Daniel, der Pianist des Duos, zwei Jahre jünger. Sie erinnern sich an den Kulturschock, den der erste Besuch im Westen bedeutete. Plötzlich stand Sunkist-Saft in den Ladenregalen, aber den Tintenkiller aus dem Westen durften die Jungs in der Schule nicht verwenden. „Waende“ heißt das neue Album von CEEYS. Der Titel meint nicht nur die Wendezeit, sondern auch die dünnen Wände im Marzahner Plattenbau, wo die Brüder aufgewachsen sind.

„Daniel übte Klavier und ich spielte Cello im Nachbarzimmer. Durch die Wand konnten wir uns hören und verständigen. Wir fanden bald heraus, dass wir lieber gemeinsam musizierten als allein“, erinnert sich Sebastian Selke. Die beiden Jungen vertieften sich in die klassischen und romantischen Sonaten für Cello und Klavier. Irgendwann begannen sie, ihre eigenen Stücke und ihren eigenen Stil zu entwickeln, der zwischen E- und U-Musik liegt.

„Wir melden die Stücke bei der GEMA als E-Musik an, aber sie sollen zugänglich sein wie Popmusik. Wir wollen nicht mit Atonalität schockieren“, meint Sebastian Selke. Die Brüder haben ihre Instrumente studiert. Sie würden ihre klassischen Wurzeln nie verleugnen, sehen ihre Musik aber als eine Mischung aus Avantgarde und Pop. Vieles ist von der Minimal Music der 70er Jahre inspiriert, aber die Musiker nennen neben Philip Glass auch Arvo Pärt als Vorbild.

Die Selkes gaben sich den Namen CEEYS, der die Begriffe „Cello“ und „Keys“ verbindet. Ihr drittes Album „Waende“ ist auf dem Label Neue Meister erschienen, das sich auf Neoklassik spezialisiert hat, die Klassik mit den Mitteln des Pop präsentiert oder umgekehrt. Im Konzert der begleitenden Reihe, die ebenfalls „Neue Meister“ heißt, spielen die beiden Brüder am 26. Juni im Drive Volkswagen Group Forum zwei Stücke aus dem aktuellen Album.

„Union“ meint natürlich die Wiedervereinigung, aber auch das Klavier der Marke Union aus der DDR, auf dem die Komposition entstanden ist. „Das Stück zeigt auch, wie wichtig es uns ist, zusammen zu spielen“, meint Sebastian Selke. Das Stück „Fall“ beschreibt den besonderen Augenblick des Mauerfalls und den Farbenreichtum des Herbstes.

„Die Konzertreihe ,Neue Meister‘ finden wir sehr spannend, wir haben dort schon viele Gleichgesinnte erlebt“, sagt Sebastian Selke. Im achten Konzert der Reihe stellt Moritz von Oswald, der Pionier der Berliner Technoszene, seine spektrale Komposition „Metameric 1.1“ vor. Gabriel Prokofiev, der Enkel des Komponisten Sergej Prokofiev, erprobt in seinem Werk „Terra Incognita“ die Grenzen zwischen russischer Klassik und dunklem Elektro. Ralf Schmid setzt an dem Abend zum ersten Mal seine neuen Hightech-Musikhandschuhe ein.

Die Konzertreihe wird vom Deutschen Kammerorchester koproduziert. CEEYS haben ihr Stück „Union“ selbst für das Orchester arrangiert. Die Welt der Orchester ist ihnen keineswegs fremd. Sebastian Selke spielt Cello im Deutschen Filmorchester Babelsberg, wo auch sein Bruder Daniel als Pianist oft als Aushilfe wirkt. Trotzdem ist der Abend auch für sie etwas Besonderes. „Es ist selten, dass sich klassische Orchester so weit öffnen“, meint Sebastian Selke. „Für uns ist das eine Herausforderung – und unglaublich inspirierend.“